Am Morgen des 26. Juni fahren wir mit Wladimir, dem Chauffeur, Lena, unserer Führerin und Nina aufs Land, in Ninas Datscha. Auf dem Weg besuchen wir einen Markt mit allen möglichen Produkten der Gegend und kaufen ein. Man ist hier sehr freundlich zu Tieren: Vögel sitzen in den Waren und picken von allem, was sie gerade mögen. Für uns ein ungewohnter Anblick.

Lena will uns eine berühmte Wallfahrtskirche zeigen. Leider dürfen wir nicht rein, da Lena und Bärbel Hosen (lange !) tragen.

Die Datscha ist ein 2-stöckiges Gartenhaus. Zum Mittagessen gibt es Tee aus frischer Minze und Johannisbeerblättern aus dem Garten, ein Gebäck (so ähnlich wie kalter Hund) und kandierte Zitronenscheiben. Nach dem Mittagessen machen wir einen Spaziergang durch den Wald. Der Boden ist noch sehr naß, an vielen Stellen sumpfig. Es hat die letzten Wochen viel geregnet.

Anschließend faulenzen wir im Garten. Zum Abendessen macht Nina Fleisch (so ähnlich wie Kotelett) gedünstet, Kartoffeln leicht zerstampft mit Liebstöckel und einem kaukasischen Gewürz, das wir nicht kennen, Salat von Tomaten und Gurken mit Dill und Liebstöckel. Es schmeckt sehr gut. Danach wieder den obligatorischen Tee mit Gebäck. Wir lernen auf unserer weiteren Reise, daß ein Russe und Tee ein unzertrennliches Paar sind.

Während wir zusammensitzen und uns unterhalten, erfahren wir viel über Ninas und Lenas Leben und ihre Familien. Lena ist Englischlehrerin. Sie spricht sehr gut deutsch und hat auch Deutsch unterrichtet. Sie sagt, daß Deutsch aber nicht mehr so gefragt ist. Daher hat sie auch keine Deutsch-Klasse mehr. Als Lehrerin verdient sie 2000 Rubel im Monat. Nach dem offiziellen Umrechnungskurs ist das weniger als DM 200. Allerdings ist die Kaufkraft höher, ungefähr 1:10. Sie ist geschieden und hat einen 6-jährigenSohn. Sie wohnen in einer Wohnung mit den Eltern. Als sie noch mit ihrem Mann zusammen war, wohnten sie offiziell in 2 unterschiedlichen Wohnungen. Sie erzählt, das wäre absolut üblich. Die Miete der Wohnung richtet sich nach der Anzahl der Personen, die in ihr wohnen. Wir fragen nach: die Miete war also vor der Geburt des Sohnes niedriger als danach? Ja, ist die Antwort.

Ninas jüngerer Sohn, Pawel, der ebenfalls in der Datscha ist, ist sehr begabt in Malen und Zeichnen. Wir hatten in der Wohnung schon die Zeichnungen an der Wand bewundert. Er soll Architekt werden und besucht dafür eine Vorbereitungklasse. Sie erzählt (und Lena übersetzt), daß der Garten in der Sowjetzeit unentbehrlich war und auch heute noch sehr wertvoll ist. Sie fährt von ihrer Wohnung 2 Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln hierher und holt Gemüse, Beeren, Kräuter für den häuslichen Bedarf. Leider spricht Nina nur wenig englisch. Dadurch bleibt sicherlich manches interessante Detail auf der Strecke.

Gegen Abend fahren wir nach Moskau zurück. Da es erst 21:00 Uhr und noch taghell ist, fahren wir mit der Metro in die Innenstadt (Kitar Gorod) und laufen ein bißchen rum. Die Metro ist eine Sensation, immer voll bis überfüllt. In der Regel fährt alle drei Minuten ein Zug. Wir laufen bis zum Kreml und gönnen uns in einem Gartenrestaurant an der Kreml-Mauer ein Bier. Danach wollen wir von der Bibliotheka Lenina die Metro nachhause nehmen. Bärbel versucht an einem Schalter Fahrkarten zu bekommen und wird von der Schalterbeamtin so niedergemacht, wie sie es noch nicht erlebt hat. Wir haben keine Ahnung, warum. Später stellen wir fest, daß Russen auch untereinander oft unfreundlich und unhöflich sind. Wahrscheinlich hat Bärbel nicht schnell und vor allem nicht fließend genug gesprochen.

Wir laufen zu einer andern Metrostation und werden dort sehr freundlich und hilfsbereit behandelt. Hier hat Russland noch viel zu tun, wenn es Touristen ins Land holen will.

Gegen 23:00 Uhr sind wir wieder zuhause. Später überlegen wir, daß wir genau das getan haben, was man nicht tun soll: spätabends in Moskau rumlaufen. Es ist glücklicherweise gut gegangen.

Datscha

Datscha

Datscha

Spaziergang

Spaziergang

Wohngegend

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